Sonntag, 4. Juli 2010
4 Monate später...
…und hier erreichen euch ein paar neue Worte von mir. Was man nicht alles in einem Jahr erleben kann…es ist fast unglaublich und man will am liebsten IMMER MEE(H)R erleben!

Letztens habe ich mit der Politik aufgehört. Jetzt sage ich euch nur noch dass meine Erwartungen vom neuen Präsidenten nicht nur von anderen Menschen bejaht wurden sondern dass es wohl nicht viel besser werden wird mit ihm…aber vielleicht bin ich zu voreilig…

Warum sollte man dann für ein Scheinchen nicht mal alles andere vergessen? Wusstet ihr schon was alles möglich sein kann, wenn man nur etwas Geld in seiner Schatztruhe hat? Hier in der Ukraine kann man sich von jeder Verstoßung gegen das Recht einfach freikaufen. So ist es möglich das Autofahrer sturzbesoffen durch die Straße fahren, angehalten werden, den Polizisten Geld anbieten und schwupsdiwups ist alles Weitere vergessen. Denn die Polizisten lieben ja auch Geld über alles. (Vielleicht haben sie ja auch ihr Studium erkauft und wollen jetzt das Geld wieder herein bekommen…) Das Abitur, das Studium, die Fahrerlaubnis, alles kann man einfach kaufen…
Das heißt wenn man nicht viel Geld hat kann es passieren es behandeln einen Ärzte welche ihr Studium erkauft haben. Polizisten und McDonalds-Mitarbeiter können kein Englisch, aber ohne diesen Punkt würden wir uns wahrscheinlich nicht in der Ukraine befinden. Ich finde das gehört einfach in diese verträumte Welt hier herein. Für mich ist es nicht so schlimm, denn Englisch kann ich ja auch nicht besser als Russisch.

Die Krim. Das Gebirge der Krim. 3 Freiwillige und 7 Studenten aus Kiew. Schlittenfahren und im Meer baden in einem Urlaub. Mir fehlen einfach die Worte zu diesem wunderbaren Abenteuerurlaub den ich dort hatte. Ihr könnt die Bilder betrachten, aber am besten ist es wenn ihr es euch vor Ort anschaut…

Nachdem der Schnee endlich seine Nase aus dem Spiel gezogen hatte, gingen auch viele Dinge bei mir von vorne los. Ich widmete mich endlich der Innenstadt in Odessa. Ich wollte endlich die Kultur und die neue Menschen kennenlernen…es hat mich richtig gejuckt…
Dass ich einen Tandempartner gesucht habe, erzählte ich euch bereits. Auf meine Anzeige meldeten sich 8 Leute unterschiedlichster Art, ein älterer Herr, mehrere Studenten, Mütter…mit allen habe ich mich getroffen und jetzt treffe ich mich noch regelmäßig mit Anja einer Maschinenbaustudentin welche dieses Jahr im Sommer auch nach Deutschland geht…alle anderen waren entweder so gut das man immer wieder in die andere Sprache gerutscht ist oder man war sich einfach so einig dass das weiter nichts wird…

Kurz darauf habe ich beim „Deutschen Stammtisch“ in Odessa weitere deutsche Mädchen in Odessa kennengelernt. Anke, Jana und später noch Nadja. Alle 3 arbeiten in sprachlichen Gymnasien und unterrichten dort Deutsch. Jana für 3 Monate und Anke und Nadja für 6 Monate.
Und wie es so ist, wenn man erst einmal ein paar Leute kennt mit denen man regelmäßig Dinge unternimmt dann spannt sich irgendwann ein goldenes Band mit vielen neuen Freunden um einen herum. Von langer Weile kann schon lange nicht mehr die Rede sein. Egal ob wunderschöne Abende ums Lagerfeuer, im Park sitzen und Digeridoo spielen, trommeln, Flöten zuhören, am Meer sitzen und bisschen quatschen, Konzerte besuchen und gemeinsam mit dem Taxi nach Hause fahren oder einfach nur Lolli lutschen, all das habe ich erlebt mit Bekannten aus aller Welt. Aus Italien, Portugal, Russland, Frankreich („Couchsurfing“ ist KLASSE!)…und somit gibt es auch kaum einen Tag an dem ich nicht in der Stadt bin…

…denn ich arbeite seit Mitte April auch 2 Tage in der Woche in der deutschen evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde. Ich fühlte mich schon eine Zeit lang ziemlich unwohl auf der Arbeit im Tageszentrum. Sowohl die Umgebung (Hochhausgegend), als auch manche Menschen um mich herum brachten mich nicht immer zu der Motivation gern auf Arbeit zu gehen. Irgendwann machte mich das ziemlich unmotiviert, ich wollte raus aus dieser Gegend und eine neue Arbeit kennenlernen…ich redete mit Nicole und wir einigten uns auf eine kleine Auszeit. Uns beiden kam sofort der Einfall mit der deutschen evangelisch lutherischen Kirche. Am nächsten Tag marschierte ich also schon munter und fit zur Kirche. Es gab eine Menge zu tun denn die Kirche wurde in den letzten Jahren neu aufgebaut und die Eröffnung der Kirche war wenige Tage später…also war ich manchmal im Büro, manchmal habe ich etwas bei der Pfarrersfamilie ausgeholfen und mit den kleinen Schelmen gespielt und manchmal habe ich in der Kirche noch wichtige Dinge mit hergerichtet…
Die Eröffnung war so schön. Es kamen eine Menge große Leute aus Deutschland und Russland. Besonders aus Regensburg, der Partnerstadt von Odessa kamen viele Menschen angereist. Doch leider kamen nur die Hälfte der Menschen bis nach Odessa mit dem Flugzeug, denn der Vulkanausbruch verhinderte vielen die Einreise. Und für die die eingereist waren gab es mit der Ausreise Schwierigkeiten. Aber da viele Menschen länger in Odessa waren, machte ich Bekanntschaft mit vielen guten Leuten welche sich für meine Arbeit sehr interessierten. Ich lernte auch den deutschen Pfarrer von der Krim kennen, der mit uns in einen Klub gegangen ist und mit uns Bier getrunken hat, das hat uns gefallen…

Und wenn wir schon bei einer großen Veranstaltung sind, kam am gleichen Wochenende noch eine dazu. In unserem Tageszentrum wurde der neue Spielplatz eröffnet, den die deutsche Botschaft gespendet hat. Der deutsche Botschafter war da mit seiner Frau, die Stadtteilbürgermeisterin, Journalisten und vor allem die Kinder. Sie waren so unheimlich glücklich das sie nur so auf den Spielplatz rannten als das rote Band durchgeschnitten war. Das war für viele ein lang erwartetes Ereignis. Wie die Kinder sich freuten…

Das Zwischenseminar. Das Zwischenseminar hieß für uns das schon ein halbes Jahr in einer anderen Kultur gelebt haben. Wie die Zeit vergeht. Das Seminar, von welchem wir vorher nicht viel wussten, war sehr schön gemacht. Endlich bekamen wir Informationen über die Geschichte der Ukraine und über die Städte in denen wir wohnen. Wir haben gemeinsam Vareniki gebacken (ukrainisches Nudelgericht) und haben uns Charkow (die Stadt in der das Seminar stattgefunden hat) angeschaut, waren gemeinsam zu einem Konzert, haben das letzte halbe Jahr resultiert und wir haben mit Deutschstudenten aus der Ukraine ein Seminar gehabt, bei dem es um die deutsche und die ukrainische Kultur und Lebensweise ging. Hier ein paar Punkte die die Ukrainer nicht nachvollziehen können:

- die Männer fragen die Frauen nicht, ob sie die Taschen der Frauen tragen sollen (hier laufen die Männer grundsätzlich mit den Handtaschen der Frauen herum)

- viele Deutsche heiraten erst wenn sie älter als 25 Jahre sind (hier heiratet man meistens schon mit 20 Jahren)

- mit dem Chef von der Arbeit geht man bei uns höchstens auf ein Geschäftsessen (hier kann man schon einmal richtig betrunken gewesen sein und der Chef auch mit und am nächsten Morgen auf der Arbeit ist alles vergessen)

- in Deutschland wohnt man oft schon zum studieren nicht mehr bei den Eltern (hier wohnt man meist wenn man verheiratet ist noch bei den Eltern, erst wenn man ein Kind hat sucht man sich eine andere Wohnung)

- dem Geld habe ich vorhin schon einen Absatz gewidmet

Viele Dinge sind uns auch überhaupt nicht fremd und vielleicht sieht es hier in ein paar Jahren schon ganz anders aus. Von Emanzipation kann man in Odessa nirgends reden, aber es gibt auch in der Ukraine Menschen welche sich schon dafür einsetzen. Auch ein Gender-Museum gibt es in Charkow.

Zu Ostern. Ein Fest. In der Nacht. Zu Ostern war ich wieder bei Judith zu Besuch. Ostern war dieses Jahr genau zur gleichen Zeit wie bei uns. Vor dem Ostersonntag habe ich „Kulitsch“ gebacken (russischer traditioneller Osterkuchen mit bunten Streuseln oben drauf). Das Osterfest findet hier hauptsächlich in der Nacht zum Ostersonntag statt, in der orthodoxen Kirche. Also sind wir in der Nacht um 3 Uhr aufgestanden und mit dem „Kulitsch“ und dem gekauften Wein zu einer winzigen orthodoxen Kirche (eher Kapelle) gelaufen. Im „Kulitsch“ steckten die dünnen feinen orthodoxen Wachskerzen. Ein schöner Anblick wie die dunkle Straße von den wenigen Kerzen erleuchtet wird. Die ganze Nacht über können die Leute zur Kirche „pilgern“. Aller 10 Minuten beginnt eine neue Zeremonie. Der Priester hat einen ganz fetten Pinsel in der Hand (gleicht einer Klobürste) und bespritzt währenddem er singt reihum das Osterfrühstück der Leute. Es heißt, wer am meisten Weihwasser abbekommt ist am meisten gesegnet in der Osterzeit. Danach spricht man sich auf Russisch die Worte zu „Christus ist auferstanden“ und der andere antwortet auch wie bei uns mit den Worten „Er ist wahrhaftig auferstanden“. Es war eine sehr besinnliche Zeit.

Ihr merkt schon ich fühle mich pudelwohl hier und erlebe immer wieder ganz viel Neues, Spannendes und Unvergessliches. Ende Juli reise ich aber schon zurück in die „Heimat“, leider nach der WM…

…obwohl es ja auch sehr spannend sein kann die WM in einem anderen Land zu erleben. Es ist schön die Ukrainer beim Fussball zu erleben, oftmals freuen sie sich für jedes gute Tor. So haben sie zum Beispiel im Viertelfinale fairerweise zugegeben das Deutschland gute Tore geschossen hat, obwohl sie grundsätzlich beim Fussball gegen Deutschland sind. Das sie gegen Deutschland sind, liegt wahrscheinlich an der Vergangenheit. Im Mai zum Beispiel wurde der „Tag des Sieges“ über Deutschland in Russland und der Ukraine gefeiert. Ich jedenfalls bin hier zum erstenmal im Fussballfieber, das muss daran liegen dass ich Deutschland hier mehr verteidigen muss. Für jedes gute Tor gibt es von meiner Seite her ein paar Seifenblasen.
Aber ich bin nicht immer nur für Deutschland, so muss ich gestehen dass ich für Serbien war bei dem Spiel gegen Deutschland und ich traurig bin das Ghana nicht weiter gekommen ist...

Im August werden wir 2 Wochen mit unseren Kindern aus dem Tageszentrum in Deutschland sein und danach habe ich Abschlussseminar und da danach freue ich mich euch alle wiederzusehen! Das wird elefantös! Leute, das Jahr ist schon wieder rum…wiesu denn bluß?

Wie steht es in meinem Reiseführer? Odessa ist für viele Menschen noch sehr fremd, aber bald wird jedes Reisebüro eine Reise nach Odessa anbieten. Dem kann ich nur zustimmen. Eine Stadt in der so viele verschiedene Nationalitäten aufeinander treffen und einfach für jeden etwas Schönes dabei ist. Odessa hat eine der schönsten Opern (ich habe sie schon sehr oft besucht, die billigsten Plätze 2Euro und die teuersten 20 Euro). Architektonisch ist Odessa sowieso fast nicht zu übertreffen. Für viele Dichter und Maler (Puschkin, Kandinsky…) war Odessa über kürzere oder längere Zeit das Zuhause. Eigentlich hat Odessa 1 Million Einwohner, aber im Sommer sind es 1,5 Millionen Einwohner/Touristen. Das Meer und der Strand in unmittelbarer Nähe machen Odessa zu einer unverwechselbaren Stadt. Die Menschen leben hier mit sehr viel Geduld und Humor im Herzen auch wenn für zwei Tage die Toilette mit Kerzenschein betreten werden muss oder die Toilettenspülung mit dem bereitgestellten Wassereimer geschieht…

So das war’s. Ich jedenfalls werde Odessa immer wieder besuchen. Und Heute Abend werde ich endlich mit Freunden Musik machen im Park. Das was ich mir schon so lange gewünscht habe. Und das kurz vor dem Ende meiner Reise…

…meerige, regenferne Grüße von mir aus der Stadt mit 290 Sonnentagen pro Jahr.



Freitag, 22. Januar 2010
dezember. januar.
Das neue Jahr hat für mich in einer anderen Stadt begonnen, namens Charkow, mehr in Richtung Norden des Landes. Über Weihnachten war ich mit Judith zu Besuch bei 3 anderen Deutschen Freiwilligen. Es war eine sehr herzliche Zeit wenn auch ein ziemlich merkwürdiger Start in das neue Jahr. Nach langem hin und her hat uns zu Silvester ein Jugendlicher aus der deutschen Gemeinde in Charkow zu sich nach Hause eingeladen. Er wohnt gemeinsam mit seinen Eltern in einer ziemlich deutsch eingerichteten Wohnung. Wir freuten uns auf den Abend und ein ganz besonderen Start in das neue Jahr. Denn in der Ukraine wird Silvester größer gefeiert wie Weihnachten. Es war aber alles ganz anders als wie man es uns vorher gesagt hatte…
Wir kamen bei der Familie an und alle standen in der Tür und begrüßten uns ganz herzlich. Wir merkten schnell dass diese erste Herzlichkeit bald nachließ…denn sie dachten anscheinend dass wir schon besser die Sprache beherrschen, aber wir hielten uns ganz gut über Wasser mit unseren noch sehr mageren Wortschatz. So viel zum Reden kamen wir überhaupt nicht, denn der Tisch war mit soviel Essen bedeckt, das man nicht einmal die Tischdecke sehen konnte…man muss dazu sagen das wir vorher schon Abendbrot gegessen hatten, da wir nicht wussten das so ein Festmahl auf uns wartet. Das Übel nahm seinen Lauf, die Deutschen essen natürlich immer ganz anständig auf und darauf folgt wie von ganz allein die nächste Portion an Salat, Fisch oder Brot! Laura (eine Freiwillige) meinte zu mir das sie noch nie soviel gegessen hat und was sie denn machen soll, damit man ihr nicht immer wieder denn Teller voll macht…ich glaube es die Schaumstofftorte (schmeckt wirklich so…) die uns dann dazu gezwungen hat, sie halbaufgegessen liegen zu lassen.
Zum Essen gab es natürlich wieder ukrainischen Wein (sie lieben es hier so süß wie möglich). Nebenbei lief die ganze Zeit der Fernseher mit Lifeübertragungen aus Kiew. Man schaut sich alles lieber im Fernsehen an anstatt aufzustehen und aus dem Fenster zu schauen. Ich glaube dass ein Fernseher hier nichts Selbstverständliches ist. Selbst als das Feuerwerk draußen laut erschallte blieben die Jalousinen unten und man starrte in den Fernseher. Es war wieder einmal so typisch gewesen…denn so einen großen Fernseher muss man ja auch seinen Gästen präsentieren. Als uns allen schlecht geworden ist, haben wir dann noch eine Liege angeboten bekommen, wir sind dann doch lieber gegangen…

Ich habe letztens einen sehr schönen Artikel in der „Zeit“ gelesen von Erlend Øye (einer der beiden „Kings of Convenience“), ich muss ihn euch einfach hier hin machen:

"Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich als Kind wollte"
Schon als Kind fragte ich mich, warum Erwachsene aufhören, fröhlich zu sein. Erwachsen zu sein erschien mir als Mysterium. Warum nur kamen sie von der Arbeit nach Hause, setzten sich hin, tranken Bier und schalteten den Fernseher ein, tranken noch ein Bier, sahen weiter fern, rauchten? Ich wollte niemals ein solcher Mensch werden. Ich wollte weiter spielen. Ich träumte davon, nicht erwachsen zu werden. Diesen Traum verfolge ich bis heute.
Als ich 14 war, fingen meine Freunde an zu trinken. Ich sagte: »Hey, letztes Jahr haben wir alle gesagt, wir würden niemals damit anfangen.« Mir waren Drogen, Rauchen und Trinken immer verdächtig. Manche Leute scheinen die ganze Zeit etwas zu verstecken, das sie erst dann herauslassen können, wenn sie getrunken haben. Der Alkohol erlaubt ihnen, sich wie Kinder zu benehmen, den Rest der Zeit muss man erwachsen sein. So dachte ich damals.
Jetzt bin ich 33, das Kind ist immer weiter entfernt. Oft wünsche ich mir, ich könnte seine Stimme noch klar und deutlich hören. Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich als Kind wollte. Was würde ich sagen, wenn ich ein Kind wäre und mich heute treffen würde? Leider ist es so: Man muss aufhören, Kind zu sein, wenn man mit anderen Menschen etwas auf die Beine stellen will. Man muss Vereinbarungen treffen. Von diesem Moment an ist man nicht mehr frei. Im Musikerleben sagt dir ständig jemand, was du in vier Monaten tun und welche Platte du in einem Jahr veröffentlichen wirst. Du sagst Ja, und bevor du dort angekommen bist, hast du schon wieder zu etwas anderem Ja gesagt. Dauernd stapelt man neue Projekte aufeinander.
Vor etwa drei Jahren bemerkte ich, dass es für mich zur Hauptsache geworden war, meine Verpflichtungen zu erfüllen. Ich musste den Leuten, mit denen ich arbeitete, sagen: Ich weiß nicht, ob ich so weitermachen werde. Ich wollte mich nicht verpflichtet fühlen, weiter in derselben Band zu spielen, weiter dort zu leben, wo ich lebte, oder mit meiner Freundin zusammenzubleiben. Ich wollte wissen: Tue ich das alles nur, weil ich mich dazu zwinge? Oder weil ich es wirklich will? Danach verbrachte ich ein paar Monate in Südamerika, allein. Am Ende stellte ich fest, dass ich ernsthaft musikalisch arbeiten und mit der Band vor Leuten spielen wollte.
Ich liebe meine Heimatstadt Bergen, aber es ist dort sehr kalt, und deshalb reise ich viel. Ich mag es, wenn es warm genug ist, dass die Leute draußen sitzen und ich mit der Gitarre herumlaufen kann. Ich kann auf unbekannte Leute zugehen und einen Song für sie spielen, überall auf der Welt. Man muss nicht einmal die Sprache des Landes sprechen. Allein die Tatsache, dass man spielt und singt, ist eine klare Aussage. Ich bin dann wie ein Kind, das die Gitarre in die Hand nimmt und auf die Straße rausgeht.

Vor dem Fest des neuen Jahres war aber noch unser deutsches Weihnachtsfest was sogar mit einem deutschen evangelisch-lutherischen Gottesdienst begann. Es war so schön wieder einmal in einem sehr heimischen Gottesdienst zu gehen, ich fühlte mich pudelwohl. Denn Heiligen Abend verbrachten wir bei einer älteren Dame die früher in Sangerhausen gelebt hat und wegen ihrer großen Liebe (was sie mehrmals betonte an diesem Abend) in die Ukraine zog. Wir schauten mit ihr gemeinsam „Drei Hasselnüsse für Aschenbrödel“ und natürlich Andre Rieu im ZDF! Sie hatte deutsches Fernsehen. Es war ganz anders in der Ukraine deutsches Fernsehen zu empfangen, aber doch etwas sehr besonderes…

Da es vom Januar nicht sehr viel zu erzählen gibt, erzähle ich noch ein wenig weiter von meinen zwei Wochen in Charkow. Denn es war alles in allem eine sehr erlebnisreiche Zeit. Ein Besuch in Kiew, jeden Tag elf Stockwerke steigen und eine fliegende Kraxe. Aber alles nach der Reihe. Wir kamen genau einen Tag vor Weihnachten also am 23. Dezember in Charkow am Bahnhof an. Die Frage ob wir die Freiwilligen gleich erkennen, wurde überflüssig als wir aus dem Zug stiegen…denn wer verfehlt schon in der Ukraine Deutsche. Uns erzählten die Freiwilligen auch das sie vergeblich versucht haben eine Disco zu besuchen…trotz das sie nichts gesagt haben wurden sie sofort als Deutsche abgestempelt. Wir werden diesem waghalsigen Experiment bald noch einmal in Odessa eine Chance geben. Wir werden sehen. Wir unterhielten uns sehr viel und erfuhren auch das man zum Beispiel eigentlich registriert sein muss wenn man länger wie drei Monate in der Ukraine verweilt und das sind wir allemal. Wir erschraken, als sie uns sagten dass wir sonst nicht wieder herein kommen wenn wir einmal ausgereist sind. Ich dachte an meine Reise nach Rom die ich kurz vor Ende des Jahres noch machen möchte. Mittlerweile ist alles prima und ich bekomme alle 3 Monate einen Stempel von der Behörde. Also Rom, ich komme. An den Tagen nach dem Weihnachtsfest schauten ich und Judith uns in der Stadt ein wenig genauer um und gingen in zwei kostenlose Ausstellungen und waren glücklich den Entschluss gefasst zu haben 17 Stunden Fahrt nach Charkow in Kauf zu nehmen. Es war uns eine sehr sympathische Stadt mit vielen Kunststudenten und einer einfach sehr schönen Atmosphäre. Man muss auch dazu sagen das Charkow einst die Hauptstadt der Ukraine war und Kiew sowohl in der Freundlichkeit der Menschen als auch in der Größe der Stadt fast kein bisschen nachsteht. Deswegen gibt es in Charkow auch eine Metro und das macht eine Stadt schon viel lebendiger, man kommt schneller von Ort zu Ort. Die 3 Mädels zeigten uns ihre Arbeitsorte (ein Blindengymnasium und die Kirchgemeinde) und ab und an wenn sie nicht arbeiteten gingen wir auch einmal in ein Café und ließen es uns gut gehen. Jeden Tag stiegen wir elf Stockwerke hoch und runter weil der Fahrstuhl schon seit 2 Monaten nicht ging. Für uns junge Hüpfer kein Problem, aber was machen die alten Leute die im 13 Stockwerk wohnen? Es war uns ein Rätsel. Genau wie mit dem Glatteis. Jeder von uns ist in der Glatteiszeit mindestens 2x hingefallen, für alte Leute ein unmögliches Rauskommen. Sie fragen dann einfach andere Menschen ob sie Ihnen etwas zu essen holen können. Und nun die Geschichte mit der fliegenden Kraxe. Am 26. Dezember wollten wir (ich und Judith) wieder abreisen. Zwei Stunden davor kamen die 3 Freiwilligen auf die Idee dass wir ja auch einfach bis Silvester hier bleiben können. Spontan wie ich bin stimmte ich sofort zu und Judith musste leider noch bis Silvester arbeiten. Also fuhr Judith allein zurück und ich blieb da. Aber dazu müssen wir noch einmal an kurz zurückspulen. Wir überlegten was wir alles bedenken müssen. Ich brauche ein neues Ticket nach Silvester nach Odessa und ein Ticket nach Kiew und zurück (weil die Freiwilligen für 3 Tage nach Kiew fuhren) mit dem Bus oder dem Zug. Wie ich bin dachte ich das sei alles kein Problem und habe Judith gleich zum Bahnhof geschafft um dort gleich meine fehlenden Tickets zu besorgen. Es fing schon gut an als ich am Fahrkartenschalter erfuhr das ich zwar nach Kiew hin komme aber nicht wieder zurück mit dem Zug. Das heißt ich müsste 3 Tage allein in Charkow verbringen. Nun war ich schlecht gelaunt weil ich nun ernsthaft überlegen musste ob ich wieder zurück fahre mit Judith oder nicht. Ich überlegte mir mit Judith zurück zu fahren, jedoch war ich nicht sehr zufrieden mit dieser Lösung. Jetzt wo ich mich so auf ein paar mehr Tage in einer anderen Gegend mit anderen Leuten gefreut hatte. Ich rief in der WG an und erklärte Ihnen das Problem und fragte ob jemand so lieb ist mir meine Kraxe vorbei zu bringen. Also musste Christiana einen Sprint zurücklegen und das mit meiner Kraxe. Aufgrund fehlenden Empfangs in der Metro machten wir vorher genau aus wo wir uns treffen und verfehlten uns trotzdem. Der Zug ist nur mit Judith und ohne mich abgefahren. Das passierte so! Ich habe weiter an der Metro auf meine Kraxe gewartet und Judith ist schon zum Zug, dort traf sie auf Christiana, erklärte ihr wo ich stehe und stieg schon mit meiner Kraxe in den Zug ein. Christiana fand mich nicht, dachte dann an meine Kraxe die schon bei Judith im Zug ist, schaute auf die Uhr, merkte dass der Zug in zwei Minuten abfährt und rannte zum Gleis. Und sah dort meine Kraxe in hohem Bogen aus dem schon fahrenden Zug fliegen…Judith winkte ihr freundlich zu und Christiana hat dann völlig fertig und mit einer spannenden Geschichte doch noch die Stelle gefunden wo ich stand und auf sie gewartet habe…

So und jetzt befinden wir uns im neuen Jahr und selbst da ist schon wieder fast der erste Monat rum. Für die nächste Zeit habe ich mir ein paar Ziele gesetzt. Zum Beispiel möchte ich einen Tandem-Partner finden um die Sprache einfach zu verbessern. Man merkt Fortschritte und ganz kurze Dialoge klappen auch schon. Aber die Grammatik schwächelt sehr. Aber was will man mehr erwarten bei Russisch…

Das russische Weihnachtsfest war erst am Abend des 06. Januars. Davon bekamen wir nicht viel mit. Auch weil man hier Silvester höher stellt wie Weihnachten. In unserem Tageszentrum war das Fest am 09. Januar, gemeinsam mit den Eltern der Kinder. Ein Höhepunkt des Jahres für die Kinder und auch für manche Eltern. Einige Eltern trauen sich nicht zu kommen. Das ist etwas traurig für die Kinder, denn diese haben ein Krippenspiel vorbereitet und einen großen Tannenbaum geschmückt und bekommen an diesem Tag Geschenke im Schuhkarton (Weihnachten im Schuhkarton). Ihr glaubt gar nicht wie schön es ist in die Gesichter der Kinder zu schauen wenn sie die Kartons öffnen und so viele tolle Sachen erblicken wie nur einmal im Jahr. Strahlekinder. Die Eltern die kommen, freuen sich sehr darüber eingeladen zu sein und freuen sich über Kaffee, Tee, Plätzchen und über die lachenden Gesichter ihrer Kinder.

Meine Weihnachtsbescherung war dieses Jahr etwas später, anfang Januar. Und wie? Mit 3 tollen Päckchen und Briefen und Karten von Freunden und der Familie. Es war eine tränenreiche Bescherung unter meiner Zimmerpflanze, welche als Weihnachtsbäumchen gedient hat. Mit Kerzenschein und Räucherkerzchenduft…2 Stunden dauerte die Zeremonie.

Wir hatten zwischenzeitlich schon wieder sehr hohe Temperaturen in der frischen Luft aber jetzt wo es bei euch taut liegt wieder Schnee und die Frühlingssonne versteckt sich noch etwas hinter den Wolken…

Auch in der Ukraine passiert so manches. Am vergangenen Sonntag war in der Ukraine die Präsidentenwahl. Es war vorauszusehen das am 7. Februar noch einmal eine Stichwahl stattfinden wird zwischen Viktor Janukowitsch und Julia Timoschenko. Bei der ersten Wahl hat Viktor Janukowitsch 37% der Stimmen erreicht und Julia Timoschenko 24%. Es sieht ganz danach aus das das Ergebnis vom 7. Februar sehr ähnlich aussehen wird. Der jetztige Präsident Wiktor Juschtschenko, der Präsident der „Orangen Revolution“ versprach den Leuten viele gute Sachen, welche er leider nicht einhalten konnte. So wurde die Ukraine eher noch mehr in Reich und Arm gespalten und von einem Beitritt in die EU haben die Menschen hier weiter nur träumen können. Ein Ergebnis mit welchem keiner gerechnet hatte. Dass die Bürger Veränderungen wollen, merkt man an der Wahlbeteiligung von 66,7% und daran dass die älteren Leute sogar die Wahlurne zu sich nach Hause bestellen weil sich es nicht schaffen bis zum nächsten Wahlstandort. Uns in Deutschland scheint es wirklich gut zu gehen. Während sich Viktor Janukowitsch eher im Hintergrund aufhält, veranstaltet Julia Timoschenko einen ordentlichen Wahlkampf zu Silvester in Kiew und verspricht den Menschen viele gute Dinge. Wohl zu viele. Und Janukowitsch werden Wahlfälschungen bei der Wahl vor fünf Jahren vorgeworfen. Beide haben noch andere kleine Makel, der eine hat geschmuggelt der andere saß paar Monate im Gefängnis, aber wer nun die beste Lösung für die Ukraine bietet, kann ich nach so kurzer Zeit auch nicht beurteilen.

Und ich, ich ziehe jetzt meine Zuhauserumfletzhose an und mach es mir mit einem Tee und Plätzchen von meiner Mama aus der Heimat ein bisschen gemütlich.

…eiNe GuTe NachT euCh aLLen.



Dienstag, 24. November 2009
zwei Monate.
Endlich! Ich bin in Odessa angekommen. Nach einer Fahrt im Schlafwagon von Berlin aus.
Doch zuerst möchte ich euch noch vom Seminar in Tschechien und Dresden erzählen. In einem kleinen nicht nennenswerten Dorf in Tschechien kamen ungefähr 25 Leute am ersten September in einem großen Kloster an. Es erwarteten uns dort 8 kläffende große Hunde, ein tätowierter Pfarrer und eine sehr freundliche Küchenfrau. Die Woche war sehr schön ausgestaltet. Der erste Tag führte uns direkt nach Prag, wo wir ein paar Stunden durch die Stadt schlenderten und wichtige Sehenswürdigkeiten vor die Augen bekamen. Die nächsten Tage haben wir ein paar Themen rund um den Freiwilligendienst gemeinsam bearbeitet und einen Tag lang schufteten wir im Pfarrgarten (unsere Aufgabe war das Abbeizen von alten Beichtstühlen). Zum Abschluss machten wir einen Ausflug nach Theresienstadt ins KZ, ein sehr bewegender Tag. Die darauf folgende Woche ging es zurück nach Dresden, dort erlebten wir viele Dinge…am schönsten jedoch war mein kleiner erfolgreicher Stadtbummel durch Dresden!

…umzingelt von zwei Jungen sitze ich heute Abend in der Küche des Kinder- und Jugendzentrums in Odessa. Die Jungs „Dima“ und „Wowa“ wohnen mit uns (Raphaela und ich) momentan in dem Zentrum, hier wo wir auch arbeiten. Mit Händen und Füßen klappt die Verständigung mehr oder weniger gut. Die ukrainische Volksmusik erschallt im Hintergrund in mittlerer Lautstärke. Jetzt wo die Jungs in ihr Zimmer gegangen sind geniesse ich die Ruhe neben der immer noch laufenden jetzt von mir noch leiser gedrehten Musik. Morgen ab 12Uhr kommen wieder die Kinder und Jugendlichen nach der Schule und wir sitzen genau an diesem Tisch zum Mittagessen (welches für viele Kinder die einzige Mahlzeit am Tag ist). Aber dazu später mehr.

In den letzten Wochen gab es so viele neue Eindrücke…
Ich hatte keine Zeit zum nachdenken zwischendurch. Erst 2 Wochen Seminar in Tschechien und Dresden und dann auf in die Ferne für 1 Jahr. Ob ein Jahr kurz oder lang ist, ist wohl Ansichtssache. Ich würde sagen am Anfang ist es lang und am Ende ist es kurz. Ich kann es immer noch nicht glauben dass ich jetzt wirklich hier bin. Spätestens als wir am Freitagmorgen im „Schwarzen Meer“ baden waren, haben wir es wahr genommen. Zehn Minuten zu Fuß und man schwimmt schon davon und findet dazu noch wunderschöne Muscheln und geschliffene Scherben. Bald können wir auch die schönen Strände besuchen (ohne haufenweise Zigarettenstummel im Sand), wenn wir unsere schon bestellten Drahtesel haben. Heute am Sonntag haben wir den Gottesdienst einer freien Gemeinde mit Nicole (Leiterin des Tageszentrums) und ihrer Familie besucht. Mit Vorwarnung das es laut und lang wird. Wir saßen also da und alle 400 Besucher klatschten begeistert zu den Liedern und in der ersten Reihe hüpfte einer im Takt. Nicht das ich lautere Gottesdienste ohne Liturgie nicht schon erlebt habe, aber so was. Ich war eindeutig überfordert. Auf der Bühne gab es sogar Backgroundsängerinnen…und vorn auf der Bühne tanzten zwei Frauen mit glänzenden Tüchern, es hat mich verwirrt. 3 Stunden ging die Zeremonie, wir haben sie nach einer halben Stunde verlassen und sind in unser derzeitiges Lieblingscafé „Kompott“ gegangen wo wir uns mit leichten Kommunikationsproblemen beim bezahlen zufrieden geben mussten.
Nach dem Gottesdienst waren wir noch bei Nicole zum Abendessen eingeladen. Gestern hingegen war ein sehr langweiliger und trauriger Tag. Was Raphaela und mich am meisten herabgezogen hat, war der schlechte Kontakt in die Heimat. Wir haben kein Internet hier im Zentrum und können nur in Internetcafé´s gehen, die total düster sind. Umso größer war die Freude als wir heute bei Nicole ins Internet konnten…
Wir wohnen hier in einem sehr armen Stadtteil von Odessa. Man sehnt sich förmlich vor lauter Einsamkeit am Wochenende nach dem Gespräch mit guten Freunden. Das nächste Wochenende hat begonnen, das zweite für uns. Leicht genervt sitze ich hier und schreibe. An das Fenster neben mir klopfen ungefähr aller 5 Minuten 3 Kinder unserer Einrichtung. Sie wollen nichts ernsthaftes, sie versuchen nur unsere „Sprachlosigkeit“ auszunutzen. Es ist nicht einfach! Es liegt daran, dass „Denni“ (11) gerade bei uns im Zentrum übernachtet, weil er sonst mit seiner Mutter im Bahnhof übernachten müsste. Er bringt dann die Kinder mit zum spielen hierher. Die Mutter ist gerade auf Wohnungssuche…
Über die Vergangenheiten der Kinder wissen wir jetzt schon so einiges mehr. Am skurrilsten war die Tatsache, dass ein Kind bei Pflegeeltern aufgenommen ist, weil die Großmutter und die Mutter wegen Drogen dealen im Gefängnis sitzen!

Das Schulsystem ist fast so ähnlich wie bei uns. Es gibt Gymnasien und Realschulen. Beide Schulen verlangen monatliches Schulgeld, welches bei einigen Kindern unsere Einrichtung zahlt. Gymnasien sind auch teurer, so dass sich Kinder aus armen Familien trotz guten Leistungen kein Gymnasium leisten können. Ärmere Kinder werden zudem noch sehr schlecht und niederträchtig behandelt. Sie bekommen halb zerfallene Schulbücher, während die besser gestellten Kinder die neuen Bücher bekommen…

Manchmal bin ich überrascht darüber das schon 2 Wochen vorbei sind…die Zeit vergeht schon jetzt ziemlich schnell (ich hätte es nicht für möglich gehalten). Langsam trichtert sich der Alltag der Einrichtung in unsere Köpfe ein und hier und da versteht man sogar schon ein paar Wörtchen und Russisch. Der wohl bedeutsamste Satz der letzten beiden Wochen:

„ja nje panimajo!“ – „ich verstehe es nicht!“

Die Kinder haben alle Deutsch in der Schule, aber können tut es keiner. So sprachfanatisch wie bei uns ist hier keiner. Mit Englisch ist es nicht anders. Aber wir werden ausgelacht wenn wir etwas falsch aussprechen, witzig sind die Lausbengel…
Wegen den fehlenden Deutsch- und Englischkenntnisse geben wir den Kindern „Unterricht“. Am Montag war der erste Englischunterricht und am Dienstag folgte gleich Deutsch. Da die Verständigung mit den Mitarbeitern noch nicht so „blendend“ klappt, haben sie 2 Kinder in Englisch und Deutsch geschickt, so dass diese beiden wohl bald richtig durcheinander kommen. Am Montag zu Englisch waren es viel zu viele Kinder und am Dienstag waren es dann nur noch 4 und trotzdem war es kein Zuckerschlecken. Eigentlich war es so gedacht das die Kinder freiwillig kommen können (denn einige Kinder sind auch wieder ganz heiß auf bessere Englisch- und Deutschkenntnisse), doch die Mitarbeiter waren anderer Meinung, so schickten sie Kinder zu uns, welche schon jetzt keine Lust mehr haben…ich bin gespannt wie das weiter geht.

Der letzte Besuch in Odessa verlangte von uns eine Kamera! Die Menschen hier sind mit der Mode nicht hinterher…ok, ich würde sagen ein bisschen vorne weg und ein bisschen hinterher…zum einen trägt man hier noch Bauchfrei, oder schon wieder? Und zum anderen trägt man hier bei einem stinknormalen Stadtbummel Absatzschuhe die nicht nur mich entsetzen! Leider sind die Frauen in den Schuhen so gut unterwegs, das ich den
Fotoapparat nie schnell genug ausgepackt habe…auch Omas im Glitzermantel sind keine Seltenheit! Die Luxusgesellschaft!

Genau so viel wie es in der Stadt Frauen mit unheimlich hohen Absätzen gibt, gibt es auch herrenlose Hunde. Sie sind überall, an jeder Ecke, hinter jedem Baum, in der Stadt und am Strand, einfach überall…man gewöhnt sich daran! Angst haben braucht man vor denen nicht, die sind so abgemagert das sie keine Kraft haben zum Bellen…letztens hat eine Frau ihre kleinen Kätzchen abgesetzt vor uns, sie stand dann am Straßenrand und schaute ob sie jemand mitnimmt, ich fand es nur traurig, doch hier ist es normal…

Auch hier im Tageszentrum haben wir es mit 2 Tieren zu tun. Holger und Sonja, den Namen Holger haben wir gestern beim Abendbrot unserer|em Katze?|Kater? gegeben. Taktik der Katze: „Miau, Miau“………wir geben nach……….suchen das Fleisch welches es in unserem Kühlschrankfach nicht gibt (Fleisch ist hier so teuer, das ich Vegetarier werden muss…) im Rest des Kühlschrankes und geben ihr dann eine kleine Plastikschüssel mit wenig Inhalt……….Katze isst!……Katze ist bis zum nächsten Tag zufrieden…wir sind auch zufrieden und freuen uns das Holger so ein freundliches Tier ist, welches mit wenig zufrieden ist.
Taktik von Sonja: „Piep, piep“……es ist morgens, ich bin ein Morgenmuffel, der Vogel fliegt zwar nicht draußen rum (was schade für ihn, aber perfekt für mich ist), aber er kann nerven, wenn er will…gegen Mittag legt sich sein ständiges Lautsein und er hüpft von einer Stange zur anderen………gegen Nachmittag bis zum Abend macht er Rollen an seinen Stangen (er lässt sich einfach nach vorne fallen…) und Abends neigt er seinen Kopf zum schlafen nach unten…ein trauriger Alltag…

Wenn die Tiere schlafen gehen (allerdings nicht alle, aber dazu später mehr!), fängt unser Abend an…denn hier gibt es jede Menge „Disney“-Filme auf russisch! Wir kochen dann gemeinsam und setzen uns zum Ausspannen vor einen Film. Man gewöhnt sich gut daran…
(Jetzt kommen die Tiere zur Rede welche noch nicht schlafen gegangen sind…) Raphaela machte letztens nach unserem Film die Badtür auf, dann das Licht an als sie im wahrsten Sinne des Wortes 3 sehr große schwarze Kakerlaken erblickte…das entfernen der Tierchen dauerte ein Stückchen…also an Untermietern mangelt es hier jedenfalls nicht…

Der Supermarkt! Was es nicht alles über ihn zu erzählen gibt! Im Supermarkt hier gibt es sonderbare Dinge zu entdecken, wie zum Beispiel getrockneter Fisch in Plastehüllen oder Milch in kleinen Plastebeuteln. Obst ist sehr billig, lecker! Auf allen Dingen welche man im Supermarkt findet steht das Herstellungsdatum und nicht das Verfallsdatum, obwohl es gerade hier wesentlich wichtiger wäre. Schokolade ist ein Luxusgut, ein normalgroßes „Nutella“-Glas kostet hier 4,50 €. Und normalerweise ist es hier extrem billig einzukaufen, für einen Wocheneinkauf 15 €.

Hier denkt man anders…jeden Tag waschen in unserem Zentrum 2 Kinder das Geschirr vom Mittagessen auf. Es gibt keine Stöpsel, deswegen wird hier das Wasser laufen gelassen. Von dem Wörtchen Umweltverschmutzung ganz zu schweigen, denn alles was an Müll anfällt kommt in eine Tonne, alles!! Oder man fährt mit dem Auto an den Bordstein und wirft es genüsslich aus der Autotür, es stört ja keinen…ganz besonders praktisch ist es wenn man einen offenen Gullideckel findet (suchen muss man diese hier auch nicht)…und dort drinnen stört der Müll ja auch keinen…
Apropos nicht mitdenken…unser Bad wurde frisch gestrichen, aber wie. Es war richtig dreckig und man hat einfach darüber gestrichen…hoho. Jetzt befindet sich der Dreck unter der Farbe und nächstes Jahr wird wieder darüber gestrichen…ach die Ukrainer, warum einfach wenn es auch schwer geht?

Leitungswasser trinken darf man hier auch nicht, darin ist zuviel Chlor enthalten. Deswegen gibt es hier Wasserkanister welche man zum Trinken und zum Kochen verwendet.

Mein Funkwecker möchte zurück nach Deutschland. Ich habe ihn ausgemacht und wieder an und er stellt sich automatisch wieder auf die deutsche Zeit ein…nun ja. (Es ist ja auch nur eine Stunde) So weis ich immer gleich wie spät es bei euch in Deutschland ist, auch nicht schlecht.

Hier bezahlt man mit „Griwen“. 1€ sind ungefähr 10 Griwen. Aber man muss aufpassen dass man nicht veräppelt wird. (das Wort „veräppeln“ macht uns hier Schwierigkeiten, wir wissen ja das es eine Menge andere Wörter oder Wortgruppen gibt, aber keines findet man in unserem Wörterbuch…und dabei brauchen wir es so oft für „Dima“…) Letztens im Internetcafe hat man uns gleich dümmer eingeschätzt als wir sind. Der Mann dort, hat uns weniger Geld zurück gegeben. Aber wir haben das natürlich gleich beanstandet. Aber das ist nicht der Rede wert, denn 1 Stunde Internet kostet 4 Griwen!

Es gibt am Anfang soviel zu erzählen dass mir langsam die Hand müde wird.

Die Innenstadt zeigt sich von ihren besten Seiten, hier gibt es alles „Taschentücher“, „Zara“, „Promod“, „McDonalds“ und vor allem eine wunderschöne Architektur! Der Bürgermeister hier besitzt einen Palast von dem deutsche Bürgermeister träumen, oder auch nicht, je nachdem. Neben dem Palast des Bürgermeisters ist die große Staatsoper, das schönste Gebäude in Odessa (besonders in der Nacht…). Ich hoffe ich komme auch bald in den Genuss des Oper-Innenlebens. Gar nicht weit von der Oper entfernt ist das Standesamt, ein kleiner unbedeutender Eingang. Erst am Wochenende sieht man das dort die Hochzeiten stattfinden, denn Hochzeiten sind hier noch nicht so aus der Mode gekommen wie in Deutschland. So das jeden Samstag ungefähr 20 Hochzeiten stattfinden und Sonntags die Brautpaare mit ihrem Fotografen durch die Stadt marschieren. An kann sie einfach nicht übersehen. Die Paare sind manchmal erst 17 oder 18 Jahre. Die Fahrt mit Nicoles Auto durch die Stadt war ein wahres Erlebnis. Ich finde es sehr verwunderlich dass diese Autos fast alle noch ganz sind und keine Schäden aufweisen, zumindest äußerlich. Denn so wie es hier beim fahren zugeht…in der Innenstadt gibt es fast nur Einbahnstraßen…um von einem Ort zum anderen zu kommen braucht man ewig, deswegen gibt es hier sehr viele öffentliche Verkehrsmittel und diese fahren auch fast immer. Maschrutkas (kleine Busse für 2,5 Griwen), Straßenbahnen (1 Griwen durch ganz Odessa), Drahtbusse (wie auch immer die heißen für 2 Griwen), alles spottbillig. Sehr praktisch wenn man Städte erkunden möchte oder andere Freiwillige besuchen möchte. Was am schnellsten fährt kostet auch am meisten. Ach und von anschnallen ist hier natürlich auch keine Rede, warum auch immer…

Dima, von dem schon einmal die Rede war kann alle 194 Flaggen auswendig. Er holte ein Spiel aus dem Schrank und präsentierte und voller Stolz seine Kenntnisse. Zuvor fragte er uns und wir wussten noch nicht einmal ¼ davon…aber immerhin meinte Dima…
Seit Mitte Oktober arbeiten wir zusätzlich noch in einem Gymnasium gleich bei uns um die Ecke. Es war sehr spannend als wir das erste Mal dort waren, die Kinder sind alle sehr aufgeschlossen und haben vor allem das Bedürfnis zu lernen. Was hier lange keine Selbstverständlichkeit ist. Wir unterrichten dort eine Deutschklasse. Die Klassen werden beim Sprachunterricht in 2 Teile geteilt, sehr praktisch (da haben sie den Deutschen etwas vorweg genommen)…ich unterrichte eine Hälfte (15 Kindern) und Raphaela die andere Hälfte. Die Kinder sind so glücklich wenn wir kommen! Sie leeren für uns ihre Brotbüchsen aus um uns etwas zu naschen zu geben (was im Übrigen hier sehr hervorragend schmeckt). Die Kinder geben einem eine sehr gute Reflektion. Ihnen gefällt es und sie lernen sehr fleißig. Wir unterrichten sie 2x in der Woche 1ne Stunde, im Beisein ihrer eigentlichen Deutschlehrerinnen. Irina und Anna, so heißen die beiden. Irina ist vielleicht 40 Jahre alt und ist auch unsere Russischlehrerin. Mit uralten Russischsprachbüchern versucht sie uns sprachlich auf Trapp zu bringen…ein klein wenig klappt es auch schon mit dem Russisch. Anna ist erst 22 Jahre und ist schon seit ihrem 20.Lebensjahr Lehrerin. Wir und Nicole können es nicht nachvollziehen, normal ist das hier auch nicht…
Anna ist bei meinem Unterricht dabei und übersetzt ein wenig für die Kinder was ich da vorne auf Deutsch vor mich hin rede. Ich sehe die Köpfe der Kinder richtig qualmen….
Manchmal gehen wir mit Anna in die Stadt und trinken einen Kaffee und essen Kuchen oder gehen mal so richtig shoppen…muss auch mal sein!

Es ist soweit! Nach vielen Komplikationen mit unserer Organisation, dürfen wir jetzt umziehen in eine 3-Zimmer-Wohnung! Puuuuh! Ab dem 22.Oktober wohnen wir nun 5 Minuten weiter….also gleich um die Ecke vom Tageszentrum in einem Hochhaus. Einer viel zu tollen Wohnung für ukrainische Verhältnisse. Jetzt geht es uns schon viel besser. Jeder hat sein Zimmer und keiner geht dem anderen auf die Nerven (was nach einer gewissen Zeit des Aufeinanderhockens einfach ganz normal ist!) und das wichtigste die Arbeit ist getrennt von der Wohnung…es gibt einen kleinen, aber feinen Arbeitsweg! Und wir sind viel glücklicher…

Wir haben INtERnET seit dem 13.November! Was für eine Freude….deshalb bekommt ihr in den nächsten Tagen die aktuellen Informationen und Erlebnisse geliefert…die Schweinegrippe hat mich noch nicht umgelegt. Soviel im Vorraus…später mehr…