dezember. januar.
Das neue Jahr hat für mich in einer anderen Stadt begonnen, namens Charkow, mehr in Richtung Norden des Landes. Über Weihnachten war ich mit Judith zu Besuch bei 3 anderen Deutschen Freiwilligen. Es war eine sehr herzliche Zeit wenn auch ein ziemlich merkwürdiger Start in das neue Jahr. Nach langem hin und her hat uns zu Silvester ein Jugendlicher aus der deutschen Gemeinde in Charkow zu sich nach Hause eingeladen. Er wohnt gemeinsam mit seinen Eltern in einer ziemlich deutsch eingerichteten Wohnung. Wir freuten uns auf den Abend und ein ganz besonderen Start in das neue Jahr. Denn in der Ukraine wird Silvester größer gefeiert wie Weihnachten. Es war aber alles ganz anders als wie man es uns vorher gesagt hatte…
Wir kamen bei der Familie an und alle standen in der Tür und begrüßten uns ganz herzlich. Wir merkten schnell dass diese erste Herzlichkeit bald nachließ…denn sie dachten anscheinend dass wir schon besser die Sprache beherrschen, aber wir hielten uns ganz gut über Wasser mit unseren noch sehr mageren Wortschatz. So viel zum Reden kamen wir überhaupt nicht, denn der Tisch war mit soviel Essen bedeckt, das man nicht einmal die Tischdecke sehen konnte…man muss dazu sagen das wir vorher schon Abendbrot gegessen hatten, da wir nicht wussten das so ein Festmahl auf uns wartet. Das Übel nahm seinen Lauf, die Deutschen essen natürlich immer ganz anständig auf und darauf folgt wie von ganz allein die nächste Portion an Salat, Fisch oder Brot! Laura (eine Freiwillige) meinte zu mir das sie noch nie soviel gegessen hat und was sie denn machen soll, damit man ihr nicht immer wieder denn Teller voll macht…ich glaube es die Schaumstofftorte (schmeckt wirklich so…) die uns dann dazu gezwungen hat, sie halbaufgegessen liegen zu lassen.
Zum Essen gab es natürlich wieder ukrainischen Wein (sie lieben es hier so süß wie möglich). Nebenbei lief die ganze Zeit der Fernseher mit Lifeübertragungen aus Kiew. Man schaut sich alles lieber im Fernsehen an anstatt aufzustehen und aus dem Fenster zu schauen. Ich glaube dass ein Fernseher hier nichts Selbstverständliches ist. Selbst als das Feuerwerk draußen laut erschallte blieben die Jalousinen unten und man starrte in den Fernseher. Es war wieder einmal so typisch gewesen…denn so einen großen Fernseher muss man ja auch seinen Gästen präsentieren. Als uns allen schlecht geworden ist, haben wir dann noch eine Liege angeboten bekommen, wir sind dann doch lieber gegangen…
Ich habe letztens einen sehr schönen Artikel in der „Zeit“ gelesen von Erlend Øye (einer der beiden „Kings of Convenience“), ich muss ihn euch einfach hier hin machen:
"Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich als Kind wollte"
Schon als Kind fragte ich mich, warum Erwachsene aufhören, fröhlich zu sein. Erwachsen zu sein erschien mir als Mysterium. Warum nur kamen sie von der Arbeit nach Hause, setzten sich hin, tranken Bier und schalteten den Fernseher ein, tranken noch ein Bier, sahen weiter fern, rauchten? Ich wollte niemals ein solcher Mensch werden. Ich wollte weiter spielen. Ich träumte davon, nicht erwachsen zu werden. Diesen Traum verfolge ich bis heute.
Als ich 14 war, fingen meine Freunde an zu trinken. Ich sagte: »Hey, letztes Jahr haben wir alle gesagt, wir würden niemals damit anfangen.« Mir waren Drogen, Rauchen und Trinken immer verdächtig. Manche Leute scheinen die ganze Zeit etwas zu verstecken, das sie erst dann herauslassen können, wenn sie getrunken haben. Der Alkohol erlaubt ihnen, sich wie Kinder zu benehmen, den Rest der Zeit muss man erwachsen sein. So dachte ich damals.
Jetzt bin ich 33, das Kind ist immer weiter entfernt. Oft wünsche ich mir, ich könnte seine Stimme noch klar und deutlich hören. Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich als Kind wollte. Was würde ich sagen, wenn ich ein Kind wäre und mich heute treffen würde? Leider ist es so: Man muss aufhören, Kind zu sein, wenn man mit anderen Menschen etwas auf die Beine stellen will. Man muss Vereinbarungen treffen. Von diesem Moment an ist man nicht mehr frei. Im Musikerleben sagt dir ständig jemand, was du in vier Monaten tun und welche Platte du in einem Jahr veröffentlichen wirst. Du sagst Ja, und bevor du dort angekommen bist, hast du schon wieder zu etwas anderem Ja gesagt. Dauernd stapelt man neue Projekte aufeinander.
Vor etwa drei Jahren bemerkte ich, dass es für mich zur Hauptsache geworden war, meine Verpflichtungen zu erfüllen. Ich musste den Leuten, mit denen ich arbeitete, sagen: Ich weiß nicht, ob ich so weitermachen werde. Ich wollte mich nicht verpflichtet fühlen, weiter in derselben Band zu spielen, weiter dort zu leben, wo ich lebte, oder mit meiner Freundin zusammenzubleiben. Ich wollte wissen: Tue ich das alles nur, weil ich mich dazu zwinge? Oder weil ich es wirklich will? Danach verbrachte ich ein paar Monate in Südamerika, allein. Am Ende stellte ich fest, dass ich ernsthaft musikalisch arbeiten und mit der Band vor Leuten spielen wollte.
Ich liebe meine Heimatstadt Bergen, aber es ist dort sehr kalt, und deshalb reise ich viel. Ich mag es, wenn es warm genug ist, dass die Leute draußen sitzen und ich mit der Gitarre herumlaufen kann. Ich kann auf unbekannte Leute zugehen und einen Song für sie spielen, überall auf der Welt. Man muss nicht einmal die Sprache des Landes sprechen. Allein die Tatsache, dass man spielt und singt, ist eine klare Aussage. Ich bin dann wie ein Kind, das die Gitarre in die Hand nimmt und auf die Straße rausgeht.
Vor dem Fest des neuen Jahres war aber noch unser deutsches Weihnachtsfest was sogar mit einem deutschen evangelisch-lutherischen Gottesdienst begann. Es war so schön wieder einmal in einem sehr heimischen Gottesdienst zu gehen, ich fühlte mich pudelwohl. Denn Heiligen Abend verbrachten wir bei einer älteren Dame die früher in Sangerhausen gelebt hat und wegen ihrer großen Liebe (was sie mehrmals betonte an diesem Abend) in die Ukraine zog. Wir schauten mit ihr gemeinsam „Drei Hasselnüsse für Aschenbrödel“ und natürlich Andre Rieu im ZDF! Sie hatte deutsches Fernsehen. Es war ganz anders in der Ukraine deutsches Fernsehen zu empfangen, aber doch etwas sehr besonderes…
Da es vom Januar nicht sehr viel zu erzählen gibt, erzähle ich noch ein wenig weiter von meinen zwei Wochen in Charkow. Denn es war alles in allem eine sehr erlebnisreiche Zeit. Ein Besuch in Kiew, jeden Tag elf Stockwerke steigen und eine fliegende Kraxe. Aber alles nach der Reihe. Wir kamen genau einen Tag vor Weihnachten also am 23. Dezember in Charkow am Bahnhof an. Die Frage ob wir die Freiwilligen gleich erkennen, wurde überflüssig als wir aus dem Zug stiegen…denn wer verfehlt schon in der Ukraine Deutsche. Uns erzählten die Freiwilligen auch das sie vergeblich versucht haben eine Disco zu besuchen…trotz das sie nichts gesagt haben wurden sie sofort als Deutsche abgestempelt. Wir werden diesem waghalsigen Experiment bald noch einmal in Odessa eine Chance geben. Wir werden sehen. Wir unterhielten uns sehr viel und erfuhren auch das man zum Beispiel eigentlich registriert sein muss wenn man länger wie drei Monate in der Ukraine verweilt und das sind wir allemal. Wir erschraken, als sie uns sagten dass wir sonst nicht wieder herein kommen wenn wir einmal ausgereist sind. Ich dachte an meine Reise nach Rom die ich kurz vor Ende des Jahres noch machen möchte. Mittlerweile ist alles prima und ich bekomme alle 3 Monate einen Stempel von der Behörde. Also Rom, ich komme. An den Tagen nach dem Weihnachtsfest schauten ich und Judith uns in der Stadt ein wenig genauer um und gingen in zwei kostenlose Ausstellungen und waren glücklich den Entschluss gefasst zu haben 17 Stunden Fahrt nach Charkow in Kauf zu nehmen. Es war uns eine sehr sympathische Stadt mit vielen Kunststudenten und einer einfach sehr schönen Atmosphäre. Man muss auch dazu sagen das Charkow einst die Hauptstadt der Ukraine war und Kiew sowohl in der Freundlichkeit der Menschen als auch in der Größe der Stadt fast kein bisschen nachsteht. Deswegen gibt es in Charkow auch eine Metro und das macht eine Stadt schon viel lebendiger, man kommt schneller von Ort zu Ort. Die 3 Mädels zeigten uns ihre Arbeitsorte (ein Blindengymnasium und die Kirchgemeinde) und ab und an wenn sie nicht arbeiteten gingen wir auch einmal in ein Café und ließen es uns gut gehen. Jeden Tag stiegen wir elf Stockwerke hoch und runter weil der Fahrstuhl schon seit 2 Monaten nicht ging. Für uns junge Hüpfer kein Problem, aber was machen die alten Leute die im 13 Stockwerk wohnen? Es war uns ein Rätsel. Genau wie mit dem Glatteis. Jeder von uns ist in der Glatteiszeit mindestens 2x hingefallen, für alte Leute ein unmögliches Rauskommen. Sie fragen dann einfach andere Menschen ob sie Ihnen etwas zu essen holen können. Und nun die Geschichte mit der fliegenden Kraxe. Am 26. Dezember wollten wir (ich und Judith) wieder abreisen. Zwei Stunden davor kamen die 3 Freiwilligen auf die Idee dass wir ja auch einfach bis Silvester hier bleiben können. Spontan wie ich bin stimmte ich sofort zu und Judith musste leider noch bis Silvester arbeiten. Also fuhr Judith allein zurück und ich blieb da. Aber dazu müssen wir noch einmal an kurz zurückspulen. Wir überlegten was wir alles bedenken müssen. Ich brauche ein neues Ticket nach Silvester nach Odessa und ein Ticket nach Kiew und zurück (weil die Freiwilligen für 3 Tage nach Kiew fuhren) mit dem Bus oder dem Zug. Wie ich bin dachte ich das sei alles kein Problem und habe Judith gleich zum Bahnhof geschafft um dort gleich meine fehlenden Tickets zu besorgen. Es fing schon gut an als ich am Fahrkartenschalter erfuhr das ich zwar nach Kiew hin komme aber nicht wieder zurück mit dem Zug. Das heißt ich müsste 3 Tage allein in Charkow verbringen. Nun war ich schlecht gelaunt weil ich nun ernsthaft überlegen musste ob ich wieder zurück fahre mit Judith oder nicht. Ich überlegte mir mit Judith zurück zu fahren, jedoch war ich nicht sehr zufrieden mit dieser Lösung. Jetzt wo ich mich so auf ein paar mehr Tage in einer anderen Gegend mit anderen Leuten gefreut hatte. Ich rief in der WG an und erklärte Ihnen das Problem und fragte ob jemand so lieb ist mir meine Kraxe vorbei zu bringen. Also musste Christiana einen Sprint zurücklegen und das mit meiner Kraxe. Aufgrund fehlenden Empfangs in der Metro machten wir vorher genau aus wo wir uns treffen und verfehlten uns trotzdem. Der Zug ist nur mit Judith und ohne mich abgefahren. Das passierte so! Ich habe weiter an der Metro auf meine Kraxe gewartet und Judith ist schon zum Zug, dort traf sie auf Christiana, erklärte ihr wo ich stehe und stieg schon mit meiner Kraxe in den Zug ein. Christiana fand mich nicht, dachte dann an meine Kraxe die schon bei Judith im Zug ist, schaute auf die Uhr, merkte dass der Zug in zwei Minuten abfährt und rannte zum Gleis. Und sah dort meine Kraxe in hohem Bogen aus dem schon fahrenden Zug fliegen…Judith winkte ihr freundlich zu und Christiana hat dann völlig fertig und mit einer spannenden Geschichte doch noch die Stelle gefunden wo ich stand und auf sie gewartet habe…
So und jetzt befinden wir uns im neuen Jahr und selbst da ist schon wieder fast der erste Monat rum. Für die nächste Zeit habe ich mir ein paar Ziele gesetzt. Zum Beispiel möchte ich einen Tandem-Partner finden um die Sprache einfach zu verbessern. Man merkt Fortschritte und ganz kurze Dialoge klappen auch schon. Aber die Grammatik schwächelt sehr. Aber was will man mehr erwarten bei Russisch…
Das russische Weihnachtsfest war erst am Abend des 06. Januars. Davon bekamen wir nicht viel mit. Auch weil man hier Silvester höher stellt wie Weihnachten. In unserem Tageszentrum war das Fest am 09. Januar, gemeinsam mit den Eltern der Kinder. Ein Höhepunkt des Jahres für die Kinder und auch für manche Eltern. Einige Eltern trauen sich nicht zu kommen. Das ist etwas traurig für die Kinder, denn diese haben ein Krippenspiel vorbereitet und einen großen Tannenbaum geschmückt und bekommen an diesem Tag Geschenke im Schuhkarton (Weihnachten im Schuhkarton). Ihr glaubt gar nicht wie schön es ist in die Gesichter der Kinder zu schauen wenn sie die Kartons öffnen und so viele tolle Sachen erblicken wie nur einmal im Jahr. Strahlekinder. Die Eltern die kommen, freuen sich sehr darüber eingeladen zu sein und freuen sich über Kaffee, Tee, Plätzchen und über die lachenden Gesichter ihrer Kinder.
Meine Weihnachtsbescherung war dieses Jahr etwas später, anfang Januar. Und wie? Mit 3 tollen Päckchen und Briefen und Karten von Freunden und der Familie. Es war eine tränenreiche Bescherung unter meiner Zimmerpflanze, welche als Weihnachtsbäumchen gedient hat. Mit Kerzenschein und Räucherkerzchenduft…2 Stunden dauerte die Zeremonie.
Wir hatten zwischenzeitlich schon wieder sehr hohe Temperaturen in der frischen Luft aber jetzt wo es bei euch taut liegt wieder Schnee und die Frühlingssonne versteckt sich noch etwas hinter den Wolken…
Auch in der Ukraine passiert so manches. Am vergangenen Sonntag war in der Ukraine die Präsidentenwahl. Es war vorauszusehen das am 7. Februar noch einmal eine Stichwahl stattfinden wird zwischen Viktor Janukowitsch und Julia Timoschenko. Bei der ersten Wahl hat Viktor Janukowitsch 37% der Stimmen erreicht und Julia Timoschenko 24%. Es sieht ganz danach aus das das Ergebnis vom 7. Februar sehr ähnlich aussehen wird. Der jetztige Präsident Wiktor Juschtschenko, der Präsident der „Orangen Revolution“ versprach den Leuten viele gute Sachen, welche er leider nicht einhalten konnte. So wurde die Ukraine eher noch mehr in Reich und Arm gespalten und von einem Beitritt in die EU haben die Menschen hier weiter nur träumen können. Ein Ergebnis mit welchem keiner gerechnet hatte. Dass die Bürger Veränderungen wollen, merkt man an der Wahlbeteiligung von 66,7% und daran dass die älteren Leute sogar die Wahlurne zu sich nach Hause bestellen weil sich es nicht schaffen bis zum nächsten Wahlstandort. Uns in Deutschland scheint es wirklich gut zu gehen. Während sich Viktor Janukowitsch eher im Hintergrund aufhält, veranstaltet Julia Timoschenko einen ordentlichen Wahlkampf zu Silvester in Kiew und verspricht den Menschen viele gute Dinge. Wohl zu viele. Und Janukowitsch werden Wahlfälschungen bei der Wahl vor fünf Jahren vorgeworfen. Beide haben noch andere kleine Makel, der eine hat geschmuggelt der andere saß paar Monate im Gefängnis, aber wer nun die beste Lösung für die Ukraine bietet, kann ich nach so kurzer Zeit auch nicht beurteilen.
Und ich, ich ziehe jetzt meine Zuhauserumfletzhose an und mach es mir mit einem Tee und Plätzchen von meiner Mama aus der Heimat ein bisschen gemütlich.
…eiNe GuTe NachT euCh aLLen.