4 Monate später...
…und hier erreichen euch ein paar neue Worte von mir. Was man nicht alles in einem Jahr erleben kann…es ist fast unglaublich und man will am liebsten IMMER MEE(H)R erleben!
Letztens habe ich mit der Politik aufgehört. Jetzt sage ich euch nur noch dass meine Erwartungen vom neuen Präsidenten nicht nur von anderen Menschen bejaht wurden sondern dass es wohl nicht viel besser werden wird mit ihm…aber vielleicht bin ich zu voreilig…
Warum sollte man dann für ein Scheinchen nicht mal alles andere vergessen? Wusstet ihr schon was alles möglich sein kann, wenn man nur etwas Geld in seiner Schatztruhe hat? Hier in der Ukraine kann man sich von jeder Verstoßung gegen das Recht einfach freikaufen. So ist es möglich das Autofahrer sturzbesoffen durch die Straße fahren, angehalten werden, den Polizisten Geld anbieten und schwupsdiwups ist alles Weitere vergessen. Denn die Polizisten lieben ja auch Geld über alles. (Vielleicht haben sie ja auch ihr Studium erkauft und wollen jetzt das Geld wieder herein bekommen…) Das Abitur, das Studium, die Fahrerlaubnis, alles kann man einfach kaufen…
Das heißt wenn man nicht viel Geld hat kann es passieren es behandeln einen Ärzte welche ihr Studium erkauft haben. Polizisten und McDonalds-Mitarbeiter können kein Englisch, aber ohne diesen Punkt würden wir uns wahrscheinlich nicht in der Ukraine befinden. Ich finde das gehört einfach in diese verträumte Welt hier herein. Für mich ist es nicht so schlimm, denn Englisch kann ich ja auch nicht besser als Russisch.
Die Krim. Das Gebirge der Krim. 3 Freiwillige und 7 Studenten aus Kiew. Schlittenfahren und im Meer baden in einem Urlaub. Mir fehlen einfach die Worte zu diesem wunderbaren Abenteuerurlaub den ich dort hatte. Ihr könnt die Bilder betrachten, aber am besten ist es wenn ihr es euch vor Ort anschaut…
Nachdem der Schnee endlich seine Nase aus dem Spiel gezogen hatte, gingen auch viele Dinge bei mir von vorne los. Ich widmete mich endlich der Innenstadt in Odessa. Ich wollte endlich die Kultur und die neue Menschen kennenlernen…es hat mich richtig gejuckt…
Dass ich einen Tandempartner gesucht habe, erzählte ich euch bereits. Auf meine Anzeige meldeten sich 8 Leute unterschiedlichster Art, ein älterer Herr, mehrere Studenten, Mütter…mit allen habe ich mich getroffen und jetzt treffe ich mich noch regelmäßig mit Anja einer Maschinenbaustudentin welche dieses Jahr im Sommer auch nach Deutschland geht…alle anderen waren entweder so gut das man immer wieder in die andere Sprache gerutscht ist oder man war sich einfach so einig dass das weiter nichts wird…
Kurz darauf habe ich beim „Deutschen Stammtisch“ in Odessa weitere deutsche Mädchen in Odessa kennengelernt. Anke, Jana und später noch Nadja. Alle 3 arbeiten in sprachlichen Gymnasien und unterrichten dort Deutsch. Jana für 3 Monate und Anke und Nadja für 6 Monate.
Und wie es so ist, wenn man erst einmal ein paar Leute kennt mit denen man regelmäßig Dinge unternimmt dann spannt sich irgendwann ein goldenes Band mit vielen neuen Freunden um einen herum. Von langer Weile kann schon lange nicht mehr die Rede sein. Egal ob wunderschöne Abende ums Lagerfeuer, im Park sitzen und Digeridoo spielen, trommeln, Flöten zuhören, am Meer sitzen und bisschen quatschen, Konzerte besuchen und gemeinsam mit dem Taxi nach Hause fahren oder einfach nur Lolli lutschen, all das habe ich erlebt mit Bekannten aus aller Welt. Aus Italien, Portugal, Russland, Frankreich („Couchsurfing“ ist KLASSE!)…und somit gibt es auch kaum einen Tag an dem ich nicht in der Stadt bin…
…denn ich arbeite seit Mitte April auch 2 Tage in der Woche in der deutschen evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde. Ich fühlte mich schon eine Zeit lang ziemlich unwohl auf der Arbeit im Tageszentrum. Sowohl die Umgebung (Hochhausgegend), als auch manche Menschen um mich herum brachten mich nicht immer zu der Motivation gern auf Arbeit zu gehen. Irgendwann machte mich das ziemlich unmotiviert, ich wollte raus aus dieser Gegend und eine neue Arbeit kennenlernen…ich redete mit Nicole und wir einigten uns auf eine kleine Auszeit. Uns beiden kam sofort der Einfall mit der deutschen evangelisch lutherischen Kirche. Am nächsten Tag marschierte ich also schon munter und fit zur Kirche. Es gab eine Menge zu tun denn die Kirche wurde in den letzten Jahren neu aufgebaut und die Eröffnung der Kirche war wenige Tage später…also war ich manchmal im Büro, manchmal habe ich etwas bei der Pfarrersfamilie ausgeholfen und mit den kleinen Schelmen gespielt und manchmal habe ich in der Kirche noch wichtige Dinge mit hergerichtet…
Die Eröffnung war so schön. Es kamen eine Menge große Leute aus Deutschland und Russland. Besonders aus Regensburg, der Partnerstadt von Odessa kamen viele Menschen angereist. Doch leider kamen nur die Hälfte der Menschen bis nach Odessa mit dem Flugzeug, denn der Vulkanausbruch verhinderte vielen die Einreise. Und für die die eingereist waren gab es mit der Ausreise Schwierigkeiten. Aber da viele Menschen länger in Odessa waren, machte ich Bekanntschaft mit vielen guten Leuten welche sich für meine Arbeit sehr interessierten. Ich lernte auch den deutschen Pfarrer von der Krim kennen, der mit uns in einen Klub gegangen ist und mit uns Bier getrunken hat, das hat uns gefallen…
Und wenn wir schon bei einer großen Veranstaltung sind, kam am gleichen Wochenende noch eine dazu. In unserem Tageszentrum wurde der neue Spielplatz eröffnet, den die deutsche Botschaft gespendet hat. Der deutsche Botschafter war da mit seiner Frau, die Stadtteilbürgermeisterin, Journalisten und vor allem die Kinder. Sie waren so unheimlich glücklich das sie nur so auf den Spielplatz rannten als das rote Band durchgeschnitten war. Das war für viele ein lang erwartetes Ereignis. Wie die Kinder sich freuten…
Das Zwischenseminar. Das Zwischenseminar hieß für uns das schon ein halbes Jahr in einer anderen Kultur gelebt haben. Wie die Zeit vergeht. Das Seminar, von welchem wir vorher nicht viel wussten, war sehr schön gemacht. Endlich bekamen wir Informationen über die Geschichte der Ukraine und über die Städte in denen wir wohnen. Wir haben gemeinsam Vareniki gebacken (ukrainisches Nudelgericht) und haben uns Charkow (die Stadt in der das Seminar stattgefunden hat) angeschaut, waren gemeinsam zu einem Konzert, haben das letzte halbe Jahr resultiert und wir haben mit Deutschstudenten aus der Ukraine ein Seminar gehabt, bei dem es um die deutsche und die ukrainische Kultur und Lebensweise ging. Hier ein paar Punkte die die Ukrainer nicht nachvollziehen können:
- die Männer fragen die Frauen nicht, ob sie die Taschen der Frauen tragen sollen (hier laufen die Männer grundsätzlich mit den Handtaschen der Frauen herum)
- viele Deutsche heiraten erst wenn sie älter als 25 Jahre sind (hier heiratet man meistens schon mit 20 Jahren)
- mit dem Chef von der Arbeit geht man bei uns höchstens auf ein Geschäftsessen (hier kann man schon einmal richtig betrunken gewesen sein und der Chef auch mit und am nächsten Morgen auf der Arbeit ist alles vergessen)
- in Deutschland wohnt man oft schon zum studieren nicht mehr bei den Eltern (hier wohnt man meist wenn man verheiratet ist noch bei den Eltern, erst wenn man ein Kind hat sucht man sich eine andere Wohnung)
- dem Geld habe ich vorhin schon einen Absatz gewidmet
Viele Dinge sind uns auch überhaupt nicht fremd und vielleicht sieht es hier in ein paar Jahren schon ganz anders aus. Von Emanzipation kann man in Odessa nirgends reden, aber es gibt auch in der Ukraine Menschen welche sich schon dafür einsetzen. Auch ein Gender-Museum gibt es in Charkow.
Zu Ostern. Ein Fest. In der Nacht. Zu Ostern war ich wieder bei Judith zu Besuch. Ostern war dieses Jahr genau zur gleichen Zeit wie bei uns. Vor dem Ostersonntag habe ich „Kulitsch“ gebacken (russischer traditioneller Osterkuchen mit bunten Streuseln oben drauf). Das Osterfest findet hier hauptsächlich in der Nacht zum Ostersonntag statt, in der orthodoxen Kirche. Also sind wir in der Nacht um 3 Uhr aufgestanden und mit dem „Kulitsch“ und dem gekauften Wein zu einer winzigen orthodoxen Kirche (eher Kapelle) gelaufen. Im „Kulitsch“ steckten die dünnen feinen orthodoxen Wachskerzen. Ein schöner Anblick wie die dunkle Straße von den wenigen Kerzen erleuchtet wird. Die ganze Nacht über können die Leute zur Kirche „pilgern“. Aller 10 Minuten beginnt eine neue Zeremonie. Der Priester hat einen ganz fetten Pinsel in der Hand (gleicht einer Klobürste) und bespritzt währenddem er singt reihum das Osterfrühstück der Leute. Es heißt, wer am meisten Weihwasser abbekommt ist am meisten gesegnet in der Osterzeit. Danach spricht man sich auf Russisch die Worte zu „Christus ist auferstanden“ und der andere antwortet auch wie bei uns mit den Worten „Er ist wahrhaftig auferstanden“. Es war eine sehr besinnliche Zeit.
Ihr merkt schon ich fühle mich pudelwohl hier und erlebe immer wieder ganz viel Neues, Spannendes und Unvergessliches. Ende Juli reise ich aber schon zurück in die „Heimat“, leider nach der WM…
…obwohl es ja auch sehr spannend sein kann die WM in einem anderen Land zu erleben. Es ist schön die Ukrainer beim Fussball zu erleben, oftmals freuen sie sich für jedes gute Tor. So haben sie zum Beispiel im Viertelfinale fairerweise zugegeben das Deutschland gute Tore geschossen hat, obwohl sie grundsätzlich beim Fussball gegen Deutschland sind. Das sie gegen Deutschland sind, liegt wahrscheinlich an der Vergangenheit. Im Mai zum Beispiel wurde der „Tag des Sieges“ über Deutschland in Russland und der Ukraine gefeiert. Ich jedenfalls bin hier zum erstenmal im Fussballfieber, das muss daran liegen dass ich Deutschland hier mehr verteidigen muss. Für jedes gute Tor gibt es von meiner Seite her ein paar Seifenblasen.
Aber ich bin nicht immer nur für Deutschland, so muss ich gestehen dass ich für Serbien war bei dem Spiel gegen Deutschland und ich traurig bin das Ghana nicht weiter gekommen ist...
Im August werden wir 2 Wochen mit unseren Kindern aus dem Tageszentrum in Deutschland sein und danach habe ich Abschlussseminar und da danach freue ich mich euch alle wiederzusehen! Das wird elefantös! Leute, das Jahr ist schon wieder rum…wiesu denn bluß?
Wie steht es in meinem Reiseführer? Odessa ist für viele Menschen noch sehr fremd, aber bald wird jedes Reisebüro eine Reise nach Odessa anbieten. Dem kann ich nur zustimmen. Eine Stadt in der so viele verschiedene Nationalitäten aufeinander treffen und einfach für jeden etwas Schönes dabei ist. Odessa hat eine der schönsten Opern (ich habe sie schon sehr oft besucht, die billigsten Plätze 2Euro und die teuersten 20 Euro). Architektonisch ist Odessa sowieso fast nicht zu übertreffen. Für viele Dichter und Maler (Puschkin, Kandinsky…) war Odessa über kürzere oder längere Zeit das Zuhause. Eigentlich hat Odessa 1 Million Einwohner, aber im Sommer sind es 1,5 Millionen Einwohner/Touristen. Das Meer und der Strand in unmittelbarer Nähe machen Odessa zu einer unverwechselbaren Stadt. Die Menschen leben hier mit sehr viel Geduld und Humor im Herzen auch wenn für zwei Tage die Toilette mit Kerzenschein betreten werden muss oder die Toilettenspülung mit dem bereitgestellten Wassereimer geschieht…
So das war’s. Ich jedenfalls werde Odessa immer wieder besuchen. Und Heute Abend werde ich endlich mit Freunden Musik machen im Park. Das was ich mir schon so lange gewünscht habe. Und das kurz vor dem Ende meiner Reise…
…meerige, regenferne Grüße von mir aus der Stadt mit 290 Sonnentagen pro Jahr.
ukrainemaedchen am 04. Juli 10
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