...kurz vor meiner Abreise.
…manchmal frage ich mich wie ich auf die Gedanken gekommen bin ein Jahr in das Ausland zu gehen. Es ist schon merkwürdig was man sich manchmal für Fragen stellt. Es gibt auch noch eine andere Frage welche mir öfters durch den Kopf marschiert. Was wäre gewesen wenn mir dieser Einfall nicht gekommen wäre? Ich wäre jetzt um viele Erfahrungen ärmer.
Wie man unkompliziert lebt, wie schnell man den Grundstock einer neuen Sprache beherrscht, wie wahre Nächstenliebe aussieht, wie wunderbar die Natur des Osten Europas ist, was man mit Ruhe und Geduld alles erreichen kann und was wahres Glück bedeutet.
Ich sage das nicht einfach so, es klingt sehr weit hergeholt. Nein, es ist wirklich so.
Die Fahrten mit dem Zug
Jedes Mal wenn ich in den Zug gestiegen bin und ein neues oder mir schon bekanntes Ziel erreichen wollte, saß mir jemand gegenüber der mit mir ein Gespräch angefangen hat. Ich habe die Menschen jetzt noch im Kopf und kann kleine Geschichten über sie erzählen. Der Kapitän der zuerst viel Geld verdienen will und dafür monatelange Reisen fern von seiner Heimat Odessa auf sich nimmt um später eine Familie zu haben und diese gut versorgen zu können. Die zwei schüchternen Jungs welche sich nicht getraut haben mich anzusprechen und dann 3 Bier geholt haben um so ein gutes Gespräch anzufangen. Oder die junge Mutter mit ihrer kleinen Tochter, welche uns ihre Heimatstadt Charkow anschließend an die Zugfahrt unbedingt noch zeigen wollte. Das man die Menschen nach einer Zugfahrt so gut kennt liegt anscheinend nicht zuletzt daran das die Fahrten mit dem Zug in der Ukraine länger sind als mit dem Bus. Aber dafür kann man in jedem Zug ganz bequem schlafen.
Behebung meiner kleinen Krise
Schlafen konnte ich in diesem Jahr nicht immer so gut. Nein, mein Bett war nicht unangenehm. Ich wollte einfach früh nicht aufstehen, es spielten dabei sicher viele Faktoren eine Rolle. Wie die Arbeit, die Hochhäuser-Umgebung, der unheimlich lange Winter, die schlechten Sprachfortschritte. Und nicht zuletzt machten mich ärgerlich der schlechte Anschluss an die Kultur und die Menschen in Odessa. Kurze Zeit später hatte ich vorübergehend einen anderen Arbeitsplatz in der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde in der Innenstadt, ich fühlte mich dort sehr wohl, habe Büroarbeiten gemacht und in der Kirche am Büchertisch geholfen. Und dadurch dass ich jeden Morgen 30 Minuten in die Stadt gefahren bin war ich munter und für mich hat es einiges verändert. Ich suchte mir Tandempartner und einige Zeit später machte ich so viele neue Bekanntschaften wie Finger an meinen Händen. Es war so schön. Endlich lernte ich die alternativen Menschen, ohne hochhakige Schuhe kennen. Wir machten Musik im Park. Und wenn ich an diesen Abend denke werde ich glücklich. Es waren so viele Kulturen aufeinander, Italiener, Brasilianer, Ukrainer, Russen, Deutsche, Franzosen…
Und jede Kultur hat man gespürt, egal ob durch die Musik oder die Art.
Die Arbeit In der Kirche, im Tageszentrum und im Gymnasium
In der Zeit in der ich in der Kirche gearbeitet habe, ist mir klar geworden das man auch auf Arbeit nicht den ganzen Tag nur arbeiten muss. Anfangs war es so, das ich immer bei der Kaffeepause der Mitarbeiter gefehlt habe. Von unserem Pastor wurde ich dann gefragt warum ich keine Pause einlege. Ich antwortet das für mich so viele Pausen sehr ungewohnt sind und ich das Gefühl habe zu wenig zu machen. Die Antwort lautete so das Pausen das wichtigste von der ganzen Arbeit sind. Von da an machte ich mehr Pausen. Aber nicht so viele wie die anderen. Das Arbeiten ging mit Pausen viel besser.
Nach einem Monat in der Kirche bin ich wieder an meine alte Arbeitsstelle zurück gekehrt. Ich konnte wieder lachen mit den Kindern, besser reden mit ihnen. Die Sonne scheint und alles blüht. Ich war überrascht von dieser Farbenpracht, die mir jeden Tag soviel Freude und Kraft geschenkt hat auf Arbeit zu gehen. Für mich war die erste Zeit im Tageszentrum sehr schwer und ich habe vieles sehr persönlich genommen. Ich musste erst lernen mit der Art der Mitarbeiter umzugehen. Hier sagen alle sofort wenn sie etwas stört. Es war ungewohnt.
Und die deutsche Umarmung zur täglichen Begrüßung ist für sie auch eher ungewohnt gewesen. Alle Mitarbeiter verstehen sich sehr gut und jeden Mittwoch treffen sich alle zu einer Mitarbeiterbesprechung. Allerdings fühlt man sich den Kindern gegenüber schon oft nur als Freiwilliger und kann auch aus sprachlichen Gründen nicht so stark durchgreifen. Aber wir sind wie eine große Familie, zu der wir Freiwilligen uns auch dazu zählen dürfen.
Im Gymnasium haben wir noch bis Ende Mai mithelfen können bei der Unterrichtsgestaltung im Deutschunterricht einer fünften Klasse. Mein Aufgabenbereich im Tageszentrum in dem Jahr sah sehr verschieden aus. Mit den Kindern basteln, Hausaufgaben machen, Mittagessen kochen, Spiele spielen, Sport machen, einkaufen gehen, Musik machen, sauber machen. Wir haben Feste vorbereitet, Kinderlager vorbereitet und ganz nebenbei wurde die Zeit in Odessa immer kürzer und kürzer.
Im Juli fand ein Kinderlager statt. Daran durften alle Kinder teilnehmen die nicht mit nach Deutschland fahren können. Eine Woche lang übernachteten 20 Kinder im Tageszentrum, kochten, hielten Bibelarbeiten, machten Geländespiele und Morgengymnastik rund um das Thema „Arche“. Das Thema hatte noch etwas mit unserem neuen Spielplatz im Garten zu tun, welchen uns die deutsche Botschaft gesponsert hat. Denn der Spielplatz ist auch eine Arche. Und der erste Holz-Spielplatz in Odessa!
Die Einweihung der Arche war ein sehr feierlicher Tag. Der deutsche Botschafter war da und bekam von den Kindern ein großes Gruppenfoto geschenkt. Lieder wurden auch gesungen und für den kleinen Hunger war auch gesorgt.
Der Arme ist reicher wie der Reiche
Gelernt habe ich in dem Jahr mehr als genug. Ich habe an den Leuten sehr stark gemerkt, dass ein Armer viel reicher wie ein Reicher ist. In Odessa ist der Unterschied zwischen reich und arm enorm groß. In der Stadt gibt es Leute welche Autos fahren die sich in Deutschland keiner leisten kann und zudem eine Yacht besitzen und auf dem Land gibt es überhaupt gar keine Leute die ein Auto besitzen. Alle fahren mit dem Bus oder der Straßenbahn auf die Arbeit. Aber genau diese Leute können sich über mehr Dinge im Leben freuen. Im Fernsehen habe ich eine Reportage über eine Frau und einen Mann gesehen welche an der Küste in Odessa ihr Haus gebaut haben, vor langer Zeit. Jedes Jahr bröckelt ein Teil des Grundstücks die Küste hinunter. Aber der Mann sagt in der Reportage: „Ich habe mir einmal ausgerechnet wie lange wir hier noch glücklich leben können, ungefähr zehn Jahre. Warum sollte ich mir jetzt schon einen Kopf machen was in zehn Jahren sein wird. Wir sind froh ein Dach über dem Kopf zu haben. Und zehn Jahre sind für uns viele Jahre. Wir werden nicht umziehen. Unsere Nachbarn brauchen uns und wenn ich nur auf das Wasser schaue macht mich das zufrieden.“ Und eine alte Frau im Alter von 80 Jahren war glücklich das sie auf dem größten Markt in Odessa Tee austeilen kann. Sie sagte: „Die Leute kennen mich hier und ich kenne die Leute, solange ich noch beide Beine habe laufe ich hier jeden Tag lang. Viele sind Freunde von mir und im Winter brauchen sie meinen Tee.“ Die Menschen tun die Dinge nicht im Vordergrund für sich, sondern vor allem in Liebe zum Nächsten. Eine faszinierende Kultur.
Letzte Worte
Und jetzt so ganz kurz vor meiner Abreise, die Koffer sind schon gepackt, gehen die Gefühle vom Kopf bis in die Fußspitzen. Heute habe ich von einer sehr lieben Freundin Abschied genommen. Nicht für immer, aber doch für eine längere Zeit. Man fährt ja nicht jeden Tag rüber. Ein Jahr so vollgepackt mit Erlebnissen und Eindrücken. Ganz langsam wird man die Zeit hier verarbeiten. Erst zurück in Deutschland werde ich vermissen. So wie ich hier gemerkt habe was ich an Deutschland vermisse. Leise und langsam. Mit der Vorfreude auf Freunde und Familie im Herzen.
Ich werde es vermissen…
…in völlig überfüllten Bussen in die Stadt zu kurven.
…die Hüllen der Sonnenblumenkerne an jeder Bushaltestelle zu sehen.
…Menschen die alles für einen tun damit es dir gut geht
…, die billigen Fahrpreise der Verkehrsmittel.
…, die Menschen die mit weniger Geld glücklicher sind, wie alle anderen.
…, die Märkte mit den alten Obstfrauen.
…, den Honigverkäufer mit seinem Lada.
…nach der Arbeit im Meer baden zu gehen.
…per Anhalter durch die Stadt zu fahren.
…“Schaurma“ zu essen.
…im Park Musik zu machen.
…mit den Kindern zu lachen.
…schlecht synchronisierte ukrainische Filme zu schauen.
…schief singen zu können und keinen stört es.
…, die voll gedeckten Tische wenn man zu Besuch gegangen ist.
…, das zu jeder Zugfahrt eine Nacht gehört.
…, die Frauen in ihren Stöckelschuhen zu beobachten.
…fotografiert zu werden.
…mit einer Kerze auf das Klo zu gehen.
…, die niedrigen Preise von Obst und Gemüse.
…für 2,50 € in die Oper zu gehen.
…in Odessa zu sein!
„Danke“ sagen möchte ich nun. Euch als ICE, ganz besonders Kirstin, die alle Emails immer schnell beantwortet hat. Weltwärts. Nicole & Slavik. Meiner Familie. Meinen Freunden. Die Menschen die mich finanziell unterstützt haben. Ohne euch wäre das letzte Jahr nicht so eindrucksvoll gewesen.
Aller 2 Jahre fahren ungefähr 28 Kinder des Tageszentrums nach Deutschland. Wir fahren auch mit. Noch ein Tag, dann geht es los.
Nach den zwei Wochen kann ich sagen, sie waren wunderbar. Soviel Freude und Zeit für all die Kinder hatte ich das ganze Jahr nicht. Wir haben gebastelt, Fussball gespielt, Volleyball gespielt, waren im Freibad, im Playmobil-Funpark…
Am Schluss der Abschied von den Kindern. Viele Tränen. „Danke“ sagen. Beten. Andenken bekommen. Und der Satz: „Wann kommst du wieder?“.
Der Satz bleibt bis ich wiederkomme…
ukrainemaedchen am 16. Februar 11
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